Selbstbestimmte Geburt in Berlin, Potsdam, Brandenburg

Hebamme Anjet Eich


Jolinas Geburt im Krankenhaus

Die Entscheidung war gefallen: wir verlassen die eigenen 4 Wände und fahren ins Krankenhaus. Leider meldete die Verkehrsauskunft Stau auf allen Zuwegungen zur Havelhöhe in Berlin, sodass wir schließlich ins Belziger Krankenhaus fuhren. Auf dem Weg dorthin erzählte Anjet mir und Jones (meinem Mann) noch, wie es dort ihrer Erfahrung nach so zuging. Ich konnte ihre Hinweise im Voraus nicht wirklich an mich heranlassen, doch später sollten sie mir sehr hilfreich werden. Dort angekommen fühlte ich recht schnell, dass es in diesem Krankenhaus sehr anders war als mit Anjet …

Die vielen grellen Lichter in der Ankunftshalle und in den Gängen waren eine Umgewöhnung, doch das war erstmal nicht so schlimm, denn davon berichten ja viele Frauen, die in Krankenhäusern entbinden. Darauf war ich gefasst.
Ganz schwer hatte ich es, als der zuständige Arzt und die zuständige Hebamme ihre Standartuntersuchungen machten wie z.B. Größe der Muttermundöffnung prüfen. Sie fassten mich an ganz unterschiedlichen Stellen an und machten Dinge, ohne mir konkret mitzuteilen, was sie taten. Immer wieder bat ich darum, mir doch vorher zu sagen, was sie vorhatten, anstatt mich ohne Erklärung zu untersuchen. Der Arzt ließ sich darauf ein, die Hebamme hatte es schwer damit.
Mit Mühe musste ich auch meinen Wunsch verteidigen, eine PDA zu bekommen. Die Hebamme wollte mir mehrfach eine andere Betäubung andrehen, die wohl schneller und einfach umzusetzen war, die aber auch meine Sinne benebelt hätte. Immer wieder musste ich erklären, warum ich die nicht wollte. Zum Glück war Anjet noch da und wiederholte ausdrücklich noch einmal, dass ich eine PDA wollte.
Und schließlich kam der Anästhesist für die PDA. Er wiederum erklärte mir alles ganz genau. Das tat gut. Leider stellten wir später fest, dass er eine PDA gegeben hatte, die man nicht mehr regeln konnte. Ich war also nun 2 Stunden lang unterhalb des Herzens voll betäubt. Ich ärgerte mich sehr. Denn ganz abgeschaltet wollte ich nicht sein. Grrrrrrrr! Selbst die Hebamme war erschrocken.
Anjet war inzwischen gegangen, denn sie merkte, dass die andere Hebamme in ihrer Präsenz eher unter Stress kam (wahrscheinlich sah sich die Hebamme eher in Konkurrenz zu Anjet, obwohl sie im Krankenhaus das Sagen hatte), und Anjet wünschte mir ja eine entspannte Begleitung.
So verliefen nun ca. 2 Stunden, in denen ich am Wehentropf hing und am Wehenschreiber sehen konnte, wann ich eine Wehe hatte. Zum Glück spürte ich die Wehen auch noch leicht an den Rippen kurz unterhalb des Herzens, sodass ich kaum den Wehenschreiber nutzen musste. Ich ging mit dem bisschen Wehen mit, die ich hatte, und der Rest der Zeit ähnelte eher einem Kaffeeklatsch als einer Geburtssituation. Das machte mich im Herzen sehr traurig!
Die Hebamme berichtete von einer Fernsehsendung, die behauptete, dass Embryos im Mutterleib die ganze Zeit nichts hören und daher ja 40 Wochen nur so vor sich hinvegetieren. Oder sie fragte mich ganz vorwurfsvoll, wie ich denn auf die Idee gekommen sei, bei einer Erstgeburt eine Hausgeburt machen zu wollen …
Doch wenn ich genau hinspürte, dann konnte ich doch ein wenig wahrnehmen von dem Mysterium und Wunder der Geburt. Ganz ließ sich die Geburtsatmosphäre nicht vom äußeren Geplänkel überlagern. Es war, wie wenn ein Schauspiel über dam lag, das eigentlich stattfand. Es tat sehr gut, das Besondere des geburtsvorganges doch immer wieder zu spüren!
Was ebenso in dieser Zeit zutiefst berührend war, waren die Herztöne des Kindes: Ganz eifrig und regelmäßig schlugen sie, kräftig wie es sich gehörte. Das Kind war offensichtlich nicht irritiert. Die Herztöne waren durch den gesamten Geburtsverlauf ganz fein und fleißig! Ach, ich dachte an das Kind und wünschte, dass es ihm gut in meinem Bauch ging. Ich hätte es vor Berührtheit am liebsten schon umarmt und geküsst. Ich war ihm zutiefst dankbar, dass es so eifrig und ohne Komplikationen seiner Bestimmung, auf die Welt zu kommen, so „treu“ war. Offensichtlich war diese gesamte Situation nur für mich schwer …
Und nach 2 Stunden ließ die Voll-PDA etwas nach. Zum Glück! Endlich konnte ich im gesamten Körper wieder etwas mitfühlen.
Die Hebamme ging wieder ans Werk: Sie prüfte, wie weit es wohl schon sei. Sie griff mir zwischen die Beine und rief: „Ach, da ist es ja schon!“ Und da war das Kind schon kurz vor dem Ausgang. Ich sollte nun pressen (was Presswehen sind, konnte ich ja wegen der Betäubung nie wirklich erfahren – aber zum Glück spürte ich ja inzwischen wieder etwas). Und so presste ich ohne echte Presswehen, eben so wie ich dachte, dass es funktioniert.
Und jetzt verstand ich, warum diese Frau Hebamme geworden war: Während sie mich vorher kaum in ihrer Arbeit überzeugte, so kam sie nun voll in Fahrt, feuerte mich mit voller Inbrunst an und versicherte mir, dass ich das super mache, dass alles gut läuft und dass nach und nach das Köpfchen herauskam. Die Frau wurde richtig lebendig.
Jetzt wurden die Schmerzen mehr und mehr und das war gut, auch wenn ich immer noch Angst vor ihnen hatte. Aber jetzt war es eher wieder ein Geburtsvorgang, wie ich es mir vorgestellt und gewünscht hatte.
Es vergingen wohl einige Minuten, die Hebamme hatte mir den Damm immer wieder mit einem nassen Waschlappen massiert und ihn in seiner Weitung unterstützt, als der Arzt kam und beide – Arzt und Hebamme – meinten, man müsse den Damm jetzt schneiden.
Nein, das wollte ich auf keinen Fall. Die Hebamme hatte das Skalpell schon in der Hand und auf Jones’ Frage, ob man den Damm nicht noch mit dem Lappen unterstützen könne, meinten beide nur, dass jetzt geschnitten werden müsse. Und während die zwei versuchte, mich davon zu überzeugen, ergriff Jones den Lappen und unterstützte meinen Damm, genau als die nächste Wehe kam.
Und just da rutschte der Kopf durch! Es war geschafft. Kurz danach zog die Hebamme den Rest des Körperchens nach. Und da sah ich sie liegen: mein kleines Mädchen.
Die Hebamme kontrollierte den Herzschlag und kaum war das geschehen, nahm Jones das Kind und legte es mir in den Arm. Da war sie – blickte mich mit ihren großen ruhigen Augen an. Tief ging der Blick und was um mich herum geschah, bekam ich eine ganze Zeit kaum mit. Ich sah nur das Kind.
Leider bestanden Arzt und Hebamme darauf, die Nabelschnur zügig durchzutrennen. Die Nabelschnur wurde abgeklemmt – ich meine ein Zucken in den Augen des Kindes gemerkt zu haben. – Das tut mir heute noch weh, wenn ich daran denke.
Zum Glück bekamen wir dann noch etwas Zeit mit dem Kind. Dass währenddessen aufgeräumt und meine eine Schamlippe genäht wurde, bekam ich nicht wirklich mit. Es störte mich auch nicht, denn ich sah nur mein Kind …
Später musste das Kind auch nochmals gewogen, gemessen, gewaschen und gekleidet werden. Die Hebamme nahm es und legte es unter eine grelle Lampe. Sofort schrie das sonst ganz ruhige Kind. Jones eilte nach, um in seiner Nähe zu sein. Inzwischen hatte die Hebamme geschluckt, dass wir so manche Dinge anders sahen als sie und daher anders wünschten, und so beeilte sie sich sehr mit allem. Jones stand zum Glück neben dem Kind und hielt Hautkontakt soweit es ging.
Schließlich bekamen wir etwas mehr Zeit für uns. Ich glaube, es war in etwa eine Stunde, in der wir in Ruhe gelassen wurden.
Danach konnten wir auf das Zimmer. Jones durfte zum Glück auch mitkommen und dort übernachten. Ich wurde im Rollstuhl auf das Zimmer transportiert und die Diskussion, ob Jones das Kind auf dem Arm tragen durfte, fochten wir nicht mehr aus. Die Hebamme kam zu sehr unter Druck und so schob Jones das Kind in einem Plastikbettchen auf Rädern, seinen Finger in ihrer Hand und den Blick ständig haltend auf das Zimmer.
Ich kam sehr schnell im Zimmer an und bekam mit, wie die Hebamme über Jones nur den Kopf schüttelte: Vorsichtig schob er das Kind durch die Gänge und hielt gleichzeitig mir und dem Kind die anderen Krankenschwestern vom Leib, die sich gleich mit ihren routinemäßigen Erstversorgung auf uns stürzen wollten. Wir waren für dieses Personal eine echte Herausforderung!
Ich war Jones sehr, sehr dankbar, dass er sich an vielen Stellen zu meinen Gunsten und zum Wohl des Kindes, wie wir es sahen, durchgesetzt hatte. Die Übermüdung hatte jegliche formelle Höflichkeit verblassen lassen und dafür die klare kraftvolle Entschiedenheit in ihm hervorgerufen. Das tat mir sehr, sehr gut! Danke!

Als wir im Zimmer endlich alleine waren kleideten wir das Kind sofort wieder aus, um es Haut auf Haut zu spüren. Das tat sehr gut. Das Kind schrie nie, wenn es mit einem von uns war. Es war dann immer still und schaute uns an, ganz intensiv.
Schließlich lagen wir beide im Bett und das Kind in meinem Arm. Wir wollten gerade einschlafen, da sprang Jones nochmals auf, um sich zu vergewissern, dass das Kind auch sicher läge und nicht im Laufe der Nacht aus meinen Armen auf den Boden falle. Er rückte das Plastikbettchen als Barriere an den Rand und schob eine Decke zwischen das Bettchen und uns. Das erschien uns einigermaßen sicher. Dann kam der Schlaf …


Die Tage danach war ich immer wieder unglücklich, nicht zu Hause das Kind mit Anjet und Jones in Ruhe begrüßt zu haben. Ich habe mich immer wieder gefragt, warum es so kommen musste, auch wenn sich die Entscheidung für das Krankenhaus in dem Moment richtig angefühlt hatte. Gedanken und Fragen kreisten im Kopf und ich war ärgerlich vor Trauer. Und dieser Ärger, ich wusste nicht wohin damit. Bis ich mir mit Anjet Zeit nahm, um zu spüren, dass auch diese Geburt einzigartig war, dass sich die Entscheidungen in den Momenten, in denen sie getroffen wurden, stimmig angefühlt hatten, dass es so, wie es gelaufen war, schon „richtig“ gewesen war – und dass ich dennoch einfach traurig bin.
Es tat gut, neben der Versorgung meines frisch geborenen Winzlings Zeit zu finden, diese Trauer einfach zu spüren, ohne gleich die Gedankenmühle mit all ihren Fragen anzuschmeißen.
Ich kann den Verlauf der Geburt jetzt nicht mehr ändern. Aber wenn ich einfach immer mal wieder Zeit für die Trauer finde, dann ist das sehr erleichternd. Dann kann ich neben der Trauer das einzigartige, wundersame Erlebnis der Geburt meiner Tochter Jolina sehen und es berührt mich immer noch ganz tief. Das Mysterium der Geburt war ja auch im Krankenhaus spürbar, immer mal wieder, auch wenn die medizinischen Eingriffe im Vordergrund standen. Ich fühle heute noch, dass sowohl Jolina wie auch ich alles gegeben haben und dass wir es so gemacht hatten, wie wir es konnten und dass das alles gut so war.
Und: danke, dass es für mich die medizinische Unterstützung gab, als ich darum bat!

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